70.000 Samen abgefangen: ist meine Bestellung betroffen? Und wenn ja, was dann?

Dutzende Hanfsamen sowie Verpackungen der Firma Sensi Seeds
Symbolbild

Die Nachricht, dass der Kölner Zoll insgesamt etwa 70.000 Cannabissamen aus etwa 5.800 privaten Einzelsendungen abgefangen und einkassiert hat, schlug unter Cannabisfreunden und natürlich auch im Cannabusiness ein wie eine Bombe. Mittlerweile haben nicht nur Sensi Seeds, sondern auch diverse andere Samenshops, mutmaßlich aus reiner Vorsicht, ihre Lieferungen nach Deutschland bis auf Weiteres eingestellt. Gleichzeitig macht sich unter Samen-Bestellern verständlicherweise die Sorge vor Strafanzeigen und Hausdurchsuchungen breit. Berechtigterweise? Im Folgenden haben wir Antworten auf die häufigsten Fragen in dieser Angelegenheit zusammengetragen:

Ich dachte immer, der Versand von Cannabis-Samen innerhalb der EU wäre legal? War das ein Trugschluss?

Ja. Wer Cannabis-Samen aus dem Ausland bestellt, macht sich strafbar. Die deutsche Justiz geht pauschal von einem illegalen Anbauvorhaben aus, sobald der bestellte (Cannabis-)Samen etwas mehr Geld kostet. Zum Vergleich: für gerade einmal 50 bis 70 Euro-Cent bekommt man im legalen Blumenhandel Samen für etwa 150 Blumen. Wer einige Euro oder sogar noch mehr für ein paar wenige Cannabissamen ausgibt, wird diese auch zur Blüte bringen (zumindest, wenn es nach der deutschen Justiz geht).

Woher weiß ich, ob meine Bestellung überhaupt betroffen ist?

Wer sich das fragt, ruft am besten mal beim Zoll an und quetscht den zuständigen Mitarbeiter aus. Spaß beiseite, das sollte man natürlich auf keinen Fall tun.

Solange man keine böse Post oder dergleichen bekommen hat, kann man nur spekulieren, ob die eigene Bestellung betroffen ist. Ein guter Anhaltspunkt ist jedoch die Versanddauer. Wer Anfang des Jahres bestellt, aber noch immer keine Lieferung erhalten hat, sollte aufhorchen. Generell gilt: wenn die Versanddauer stark vom üblichen Standard abweicht, ist Vorsicht angesagt.

Was passiert als nächstes, falls meine Bestellung betroffen sein sollte?

Es gibt aller Wahrscheinlichkeit nach Post vom Zoll. Und dann sollte vermutlich ein Anwalt eingeschaltet werden. Die Chancen, ein Verfahren unter Berufung auf Paragraph § 170 II StPO (Einstellung aus Mangel an Beweisen) abzuschmettern, stehen dann ziemlich gut. Kommt es allerdings erst einmal nur dazu, dass man zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert wird, könnten Leute mit Nerven aus Stahl den entsprechenden Brief auch einfach wegwerfen und darauf hoffen, dass der nächste Brief besagt, dass alle Ermittlungen eingestellt wurden.

Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass morgen früh die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Tür steht?

Hier hilft es sich an vergangenen Fällen zu orientieren. Aus Gründen mangelnder Kapazitäten sind in der Regel keine bis wenige Hausdurchsuchungen zu erwarten. Natürlich kann es hier keine hundertprozentige Sicherheit geben, deshalb ist es in jedem Fall sinnvoll, wenn die Zustände an der Bestelladresse nicht allzu wild sind und eventuell mal aufgeräumt wird. Tendenziell kann auch erwartet werden, dass wenn überhaupt eher bei sehr großen Bestellungen mal zuhause nachgeschaut wird. Die Durchschnittsbestellung liegt offenbar nach Adam Riese bei 12 Samen (70.000 Samen / 5.800 Bestellungen = ca. 12).

Macht es einen Unterschied, ob man THC- oder CBD-Samen bestellt hat?

Nein, das spielt in diesem Fall leider keine Rolle.

Ist mein Führerschein in Gefahr, wenn meine Lieferung einkassiert wurde?

Hier muss man differenzieren: kann man eine Klage mithilfe von Paragraph § 170 II StPO (siehe oben) abwenden, dann bekommt die Fahrerlaubnisbehörde nichts von dem ganzen Schlammassel mit und man hat führerscheintechnisch nichts zu befürchten.

Im tatsächlichen Fall der Verhängung einer Geldstrafe wird die Führerscheinstelle informiert und ein ärztliches Gutachten bzgl. des Konsummusters erstellt. Es reicht in diesem Fall, mit dem Konsum aufzuhören, sobald man von der Behörde Post bekommen hat, da der Urin zu diesem Zweck (noch) nicht unbedingt THC-frei sein muss.

Geht es ausschließlich um Sensi Seeds oder sind auch andere Samenfirmen betroffen?

Eine heikle Frage, auf die momentan keine sichere Antwort möglich ist. Uns bekannte Quellen benennen namentlich nur Sensi Seeds. Alle privaten Anfragen von besorgten Bestellern, die wir bisher zu Gesicht bekommen haben, beziehen sich ebenfalls ausschließlich auf Sensi Seeds. Sensi Seeds war außerdem die erste Samenbank, die den Deutschland-Versand eingestellt hat. Trotzdem lässt sich nicht ausschließen, dass auch andere niederländische Unternehmen betroffen sind. Laut einer neuen Meldung des deutschen Hanfverbands, die vor zwei Stunden veröffentlicht wurde, kommen „die meisten“ der abgefangenen Sendungen aus dem Hause Sensi Seeds. Darauf, dass von der aktuellen Situation auch spanische Firmen betroffen sind, gibt es momentan keine Hinweise. Die Querelen um die spanische Samenbank Dinafem, die bereits seit vergangenem Jahr laufen, haben mit dem deutschen Zoll nichts zu tun.

Ich bin doch Cannabis-Patient mit Rezept. Kann ich trotzdem Ärger bekommen?

Leider ja. Der Patientenstatus ist für die rechtliche Bewertung nicht ausschlaggebend. Zusätzlicher Konsum von nicht verschriebenem, illegalen Cannabis könnte diesen Status sogar in Gefahr bringen.

Highway - Das Cannabismagazin 02/2021

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